Dr.in Lieselotte Wohlgenannt (1931-2020)

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Posthume Ehrung durch Verleihung des European Basic Income Award.

Am Samstag, 7. November 2026, wird an der Universität Liechtenstein in Vaduz Dr.in Lieselotte Wohlgenannt posthum mit einem European Basic Income Award für ihren langjährigen Einsatz für das bedingungslose Grundeinkommen ausgezeichnet. Dies hat am 28.10.2026 die European Basic Income Award Organisation (EUBICA) in einer Pressemitteilung bekannt gegeben.

Lieselotte Wohlgenann und das bedingungslose Grundeinkommen

Einer breiten Öffentlichkeit ist Dr.in Lieselotte Wohlgenannt durch ihre Publikationen -- gemeinsam mit Herwig Büchele -- „Grundeinkommen ohne Arbeit. Auf dem Weg zu einer kommunikativen Gesellschaft" (1985) und „Den öko-sozialen Umbau beginnen: Grundeinkommen" (1990) bekannt. Die mit diesen Büchern angestoßene Diskussion in Österreich, im deutschsprachigen Raum, in Europa hat die Sozialwissenschaftlerin Lieselotte Wohlgenannt durch ihre Vortrags- und Autorinnentätigkeit über viele Jahrzehnte mitbestimmt. Sich Diskussionen über das Konzept des Bedingungslosen Grundeinkommens zu stellen war für sie ebenso selbstverständlich wie die Auseinandersetzungs-bereitschaft mit weltanschaulich ganz unterschiedlichen GesprächspartnerInnen.

Sie war der Überzeugung, dass es Anlässe und Räume braucht, um die Idee des Grundeinkommens voran zu bringen. Nicht zuletzt ihrer Bedeutung als Grundeinkommensdenkerin ist es zu verdanken, dass zwei Grundeinkommens-Kongresse in Wien stattgefunden haben: 1996 von BIEN und 2005 der erste deutschsprachige Grundeinkommenskongress. Mit bekannten GrundeinkommensexpertInnen auf europäischer Ebene, wie etwa Philippe van Parijs, Claus Offe, Ilona Ostner, Guy Standing war sie bestens vernetzt. Ihr Interesse an der internationalen Zusammenarbeit zeigt sich in ihrer „lifelong membership" im zunächst europäisch und später dann weltweit organisierten Netzwerk BIEN -- Basic Income Earth Network.

Besonders eingesetzt hat sich Lieselotte Wohlgenannt für die Gründung des österreichischen Netzwerks Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt -- BIEN Austria im Jahr 2002, an dessen Zusammenkünften und Aktivitäten sie noch bis vor kurzem teilnahm. Das Netzwerk verdankt ihr zahlreiche inhaltliche und strategische Impulse. Beispielgebend war Lieselotte Wohlgenannt in ihrem Optimismus, dass sich die Idee, ein allgemeines Grundeinkommen auf der Basis der Rechte aller Menschen auf Teilhabe an den Gütern der Erde und den kulturellen, wissenschaftlichen und technologischen Werten - als Realisierung des Menschenrechts auf Leben - durchsetzen wird. Geprägt von ihrer über zehnjährigen Tätigkeit im Nationalbüro der Katholischen Schulen von Zaire (jetzt Demokratische Republik Kongo) waren Menschenrechte für sie universell und nie nur regional und national zu denken.

Im Jahr 2007 nahm sie, im Alter von 76 Jahren, als Vertreterin Österreichs an einer Konsultation im Europäischen Parlament zum Bedingungslosen Grundeinkommen teil. In ihrem damaligen Vortrag zeigten sich ihr Menschen- und Gesellschaftsbild sowie ihre tiefe demokratische Einstellung. Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens verband sie mit der Vorstellung des Tätigseins in Freiheit. Sie war zutiefst davon überzeugt, dass es eine Befreiung menschlicher Tätigkeit aus der Gestalt der Erwerbsarbeit des 20.Jahrhunderts braucht und Freiheit für neue Formen menschlicher Tätigkeit für die Wissens-Gesellschaft des 21.Jahrhunderts. Gesellschaftliche Teilhabe, so ihre Ansicht, hat viele Dimensionen: Freiheitsrechte, politische und soziale Menschenrechte. „Es braucht freie, d.h. auch ökonomisch freie, gebildete, politisch engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich für diese Rechte einsetzen und dafür sorgen, dass sie als wirksames, sanktionierbares Recht in staatlichen Gesetzen verankert sind."

Zu Leben und Werk von Lieselotte Wohlgenannt

Lieselotte Wohlgenannt wurde 1931 in Stuttgart geboren. Nach Abschluss der Handelsakademie in Bregenz arbeitete sie in der Vorarlberger Lebensmittelindustrie, ehe sie zum Studium der Sozialwissenschaften nach Paris ging. Von 1968 bis 1977 war sie vorerst im Nationalbüro der Katholischen Schulen des Zaire (jetzt Demokratische Republik Kongo) tätig. Dazwischen (1973) arbeitete sie im Auftrag des Österreichischen Entwicklungsdienstes an einer Studie zur sozialen und ökonomischen Entwicklung der Diözese Bokungu–Ikela im Kongo. Von 1977 bis 1992 schließlich war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe). Nach ihrer Pensionierung arbeitete sie dort in verschiedenen Projekten weiter. 2020 verstarb Dr.in Lieselotte Wohlgenannt in Wien.

Ehrung durch die Republik

2011 erhielt Wohlgenannt von der Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur Dr. Claudia Schmied in Wien das „Bundes–Ehrenzeichen" für „hervorragende Leistungen im Bereich der Erwachsenenbildung" und als „Ausdruck für besondere Verdienste um das Gemeinwesen" verliehen.

In ihren zahlreichen Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen und Seminaren thematisierte Lieselotte Wohlgenannt Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung (wie „Zukunft der Arbeit„, „Neue Armut„, „Armut trotz Erwerbsarbeit„, „Alternative Ökonomie„, „Solidarität und Lebensstil„, Fragen der Sozialpolitik (wie „Entwicklung des Sozialstaats„, „Familienbesteuerung„, „Pensionsreform„, „Experimentelle Arbeitsmarktpolitik„) sowie besonders auch Fragen der Frauenpolitik (wie „Frauenarmut„, „Frauengleichbehandlung„, „Zur Lage der Alleinerziehenden„).

Dazu gehörten auch die von ihr im Rahmen der ksoe bis Anfang der 90er Jahre regelmäßig durchgeführten 2–wöchigen Sozialen Seminare für Frauen, die für viele der Teilnehmerinnen eine wichtige Erfahrung blieben. Zielgruppen dieser Vorträge, Diskussionsveranstaltungen und Seminare waren unterschiedlichste Gruppen, Organisationen und Einrichtungen der kirchlichen Erwachsenenbildung, von Interessenvertretungen und zivilgesellschaftlichen Initiativen, von Frauenorganisationen, aber auch von politischen Parteien und Politischen Akademien.

In den Fragen einer aktiven Gewaltlosigkeit arbeitete sie mit Jean und Hildegard Goss–Mayr bei Seminaren und Publikationen des Internationalen Versöhnungsbundes zusammen. Ihre entwicklungspolitische Erfahrung brachte sie u.a. in ein Projekt der katholische Kirche in Burundi zur Versöhnung und Zusammen arbeit im Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen des zentralafrikanischen Landes, und die Teilnahme an UNIDO Konferenzen in Wien ein.

Aufgrund ihrer breiten Fachkompetenz war Lieselotte Wohlgenannt an verschiedenen Projekten mit sozialen Themen beteiligt: dem „Dialog für Österreich. Gegen Armut und soziale Ausgrenzung„, dem Projekt „Ökumenisches Sozialwort„ der 14 christlichen Kirchen in Österreich, der Projektgruppe „Ökumenisches soziales Lernen„ zur elearning–Plattform www.sozialkompendium.org, den Projekten „Zukunftsfähig leben. Spiritualität und Praxis der Nachhaltigkeit„ und „The Integration of Youth Migrants in Europe„. Über Jahre hinweg war ihre Arbeit geprägt durch ihre Mitarbeit in der Redaktion der ksoe–Nachrichten und zahlreichen Beiträgen für diese und andere Publikationen.

Im November 1995 fand im Bildungshaus St.Virgil, Salzburg, die "Erste Österreichische Armutskonferenz statt". Lieselotte Wohlgenannt hatte die ksoe im Vorbereitungsteam dieser und folgender Konferenzen vertreten.

Aufgrund ihrer breiten Fachkompetenz war Lieselotte Wohlgenannt an verschiedenen Projekten mit sozialen Themen beteiligt: dem „Dialog für Österreich. Gegen Armut und soziale Ausgrenzung„, dem Projekt „Ökumenisches Sozialwort„ der 14 christlichen Kirchen in Österreich, der Projektgruppe „Ökumenisches soziales Lernen„ zur elearning–Plattform www.sozialkompendium.org, den Projekten „Zukunftsfähig leben. Spiritualität und Praxis der Nachhaltigkeit„ und „The Integration of Youth Migrants in Europe„.

Pionierin des Grundeinkommens

Zentrales Thema war die Auseinandersetzung um das Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens, wie sie es in den Publikationen „Grundeinkommen ohne Arbeit„ (1985) und „Den öko–sozialen Umbau beginnen: Grundeinkommen„ (1990, beide gemeinsam mit Herwig Büchele) vorgestellt hatte. Sie war deshalb auch beteiligt an der Gründung des Netzwerkes „Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt„ und vertrat das Österreichische Grundeinkommensnetzwerk bei den europäischen und internationalen Kongressen von BIEN (Basic Income Earth Network), in Wien 2005, der wesentlich von der ksoe mitgestaltet wurde, sowie u.a. in Louvain la–Neuve (Belgien), London, Berlin und Genf. Mit ihrem Vortrag „Freedom to do/In Freiheit tätig sein„ konnte sie ihr Konzept 2007 bei einer Enquete im Europäischen Parlament zur Diskussion stellen.

Neuauflage: Grundeinkommen - ohne Arbeit

Anlässlich ihres 85. Geburtstages wurde 2016 der Klassiker "Grundeinkommen - ohne Arbeit" im ÖGB-Verlag neu aufgelegt.

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Siehe auch