Antwort von Christof Lammer auf Andreas Novy

Netzwerk Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt – B.I.E.N. Austria

19.10.2016

Was Grundeinkommen und sozialökologische Infrastruktur  (nicht) leisten können

 

Andreas Novy, Obmann der Grünen Bildungswerkstatt, behauptete kürzlich auf blog.arbeit-wirtschaft.at [*], der Ausbau sozialökologischer Infrastruktur sei die progressive Alternative zum Bedingungslosen Grundeinkommen. Doch geht es hier tatsächlich um ein vereinfachendes Entweder-oder?

 

Um dieser Frage nachzugehen, soll hier reflektiert werden, was die Forderungen nach Grundeinkommen und sozialökologischer Infrastruktur leisten wollen und können, was nicht, und inwiefern sie sich eventuell ergänzen könnten. Denn das Grundeinkommen rückt ins Zentrum, was die sozialökologische Infrastruktur nur peripher macht: die progressive Relativierung der Lohnarbeit. Umgekehrt gibt es gute Gründe anzunehmen, dass das Grundeinkommen nebenbei zum ökosozialen Umbau beitragen wird.

 

Das Grundeinkommen will, was sozialökologische Infrastruktur nicht kann

Was will das Grundeinkommen? Das Grundeinkommen hätte als Geldleistung die Funktion, Not zu lindern – damit hat Andreas Novy nicht unrecht. Das Grundeinkommen vermeidet auch, ganz nebenbei, Probleme der bedarfsorientierten Mindestsicherung, wie die Nichtaufnahme aufgrund von Stigmatisierung, mangelnder Information oder bürokratischer Hürden sowie die eingebaute Armutsfalle, weil das Grundeinkommen, anders als die Mindestsicherung, nicht wegfällt, sobald dazuverdient wird.

 

Das Grundeinkommen will aber mehr. Das Grundeinkommen will mehr Autonomie für alle Menschen. Wir wollen uns damit ermöglichen, in Freiheit tätig zu sein, indem wir unsere individuelle und kollektive Verhandlungsmacht gegenüber dem Kapital stärken. Je höher das Grundeinkommen, desto stärker wird der Zwang zur Lohnarbeit relativiert und das zentrale Element des Kapitalismus, die Warenform der Arbeitskraft, infrage gestellt. Eine „leistbare“ sozialökologische Infrastruktur wird kaum so einfach, grundlegend und flächendeckend zu verwirklichen sein, dass sie uns als Individuen tatsächlich umfassend vom Überlebenskampf am Arbeitsmarkt entlastet. Das kann nur das Grundeinkommen leisten.

 

Konsumismus als größtes Übel des Kapitalismus?

Andreas Novy behauptet, dass der Konsumismus eine der zwei bedeutsamen Säulen kapitalistischer Marktgesellschaften sei. Damit meint er „die Illusion, menschliche Bedürfnisse seien vorrangig mit Geld zu befriedigen“. Diese Behauptung erscheint mir als zynisch. Menschen, die heute über wenig Geld verfügen und damit vom Zugang zu „Konsumgütern“ ausgeschlossen sind, werden sich freuen, belehrt zu werden, dass sie sich nur einer „Illusion“ hingeben. Andreas Novy befürchtet in der Zwischenzeit, „dass auch ein bedingungsloses Grundeinkommen die Struktur des Konsumismus befördert und kaum zur notwendigen Transformation beiträgt.“

 

Sozialökologische Infrastruktur als diktierte Blaupause für das „gute Leben“

Andreas Novy behauptet daher weiter, dass eine sozialökologische Transformation eine andere Form der sozialen Absicherung als das Bedingungslose Grundeinkommen brauche: „Gutes Leben für alle erfordert ein Wohlstandskonzept, das die Bedeutung von Geld und Konsum für das gute Leben einschränkt.“ Damit suggeriert er, dass durch die Ablehnung des Grundeinkommens und die Befürwortung einer sozialökologischen Infrastruktur die Bedeutung von Geld und Konsum eingeschränkt würde. Doch inwiefern wäre das tatsächlich der Fall ­– und vor allem für wen? Der Konsum der Wohlhabenden und Gutverdienenden würde dadurch nicht eingeschränkt, sondern nur die freie Wahl von denen, die über wenig Geld verfügen und deren Autonomie durch das Grundeinkommen am meisten gestärkt würde. Zu entscheiden, was für diese Menschen für ein gutes Leben „notwendig“ und „ökologisch nachhaltig“ ist, will Andreas Novy nicht aus der Hand geben. Nur die geplante sozialökologische Infrastruktur könne den Konsumismus stoppen und die ökosoziale Transformation voranbringen. Wirklich?

 

Das Grundeinkommen kann auch, was sozialökologische Infrastruktur will

Ein Beispiel. In China will die Regierung alte Werke der Stahl- und Kohleindustrie schließen, doch die Belegschaft wehrt sich dagegen – mit gutem Grund: um ihr Einkommen nicht zu verlieren. Oft scheitert ökosoziale Transformation also nicht an einem „Mangel an Umweltbewusstsein“ oder am „Konsumismus“, nicht einmal – wie dieser Fall zeigt – an einem „Mangel an [repräsentativer] Demokratie“, sondern am Festhalten an der Diktion, dass alle „normalen“ Menschen ihren Lebensunterhalt individuell über den Arbeitsmarkt bestreiten müssten. Mit dem Grundeinkommen im Hintergrund könnte eine ernsthafte gesellschaftliche Diskussion über die Schließung von ökologisch problematischen Industrien geführt werden.

 

Das Grundeinkommen würde einerseits denen, die sonst von der „ungeheuren Warensammlung“ ausgeschlossen blieben, mehr Konsum ermöglichen – ganz im Sinne der Rückumverteilung von Reich nach Arm. Andererseits birgt das Grundeinkommen Potenzial in sich, nebenbei das von Andreas Novy herausgepickte Problem des „Konsumismus“ zu bearbeiten. Denn oft konsumieren wir nur als Kompensation für fehlende Sinnerfüllung in der Arbeit oder zum Abbau von Stress und Überarbeitung. Das Grundeinkommen hingegen ermöglicht es uns, sinnvolle Tätigkeiten zu suchen und die Balance von Arbeit und Muße stärker selbst zu bestimmen. Wir können uns dann aussuchen, nicht mehr nur für das Einkommen und den Konsum zu arbeiten.

 

Außerdem: Das Grundeinkommen bedeutet eine Verschiebung von den Investitionsausgaben hin zu den Konsumausgaben. Investitionen im Kapitalismus dienen dem Zweck des Wachstums und der „Sicherung von Arbeitsplätzen“, um aus Geld mehr Geld zu machen. Der Wachstumswirksamkeit durch Konsum steht also die Wachstumsminderung durch einen Rückgang von Investitionen gegenüber.

 

Geld und Ware oder Lohnabhängigkeit als Springpunkt des Kapitalismus?

Hinter den zwei Forderungen liegen tiefgreifende theoretische Unterschiede: Die Forderung nach sozialökologischer Infrastruktur glaubt im Geld, der Warenform und dem Konsumismus zentrale Übel der neoliberalen Marktwirtschaft zu erkennen. Die Forderung nach dem Bedingungslosen Grundeinkommen hingegen sieht das zentrale Merkmal der kapitalistischen Produktionsweise in der Warenform der Arbeitskraft. Denn Geld und Waren gab es bereits bevor der Kapitalismus die dominante Produktionsweise unserer gegenwärtigen Gesellschaftsformation wurde. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass wir die eigene Arbeitskraft als Ware verkaufen müssen, um Zugang zu den Lebens-Mitteln zu erhalten. Scheinbar werden wir für unsere geleistete Arbeit bezahlt, tatsächlich werden wir nur für die Wiederherstellung unseres Arbeitsvermögens bezahlt. Trotz scheinbarer Gleichheit aller Individuen vor dem bürgerlichen Recht und am Markt, kommt es so zum strukturellen Ausschluss vieler vom gesellschaftlich produzierten Reichtum.

 

Befreiung vom/durch Geld?

Oft wird die Gewalt der Abstraktionsfunktion des Geldes und die entpersönlichenden Effekte in Alltagstheorien überbetont und moralisch kritisiert. Dabei wird übersehen, dass durch Geld auch bestehende Klassifizierungen nach Status und Rang in Frage gestellt wurden und Geld insofern befreiend wirkt.

Am Ende einer Aufzählung, die belegen soll, dass Sachleistungen besser als Geldleistungen seien, weil letztere problematische Strukturen wie ungleiche Geschlechterverhältnisse verstärken würden, schreibt Andreas Novy etwa folgendes: „Das Pflegegeld wiederum hat legale und halb-legale Märkte für Betreuungsarbeiten gefördert und zur verstärkten transnationalen Migration von Frauen geführt.“ Die suggerierte Betrachtung ist einseitig. Denn diese prekäre und schlecht bezahlte Beschäftigungsmöglichkeit, die oft zu Mehrfachbelastung führt, kann für manche dieser Frauen gleichzeitig als Befreiung aus patriarchalen Strukturen zuhause erscheinen, weil sie nun über eigenes Einkommen verfügen. Das Grundeinkommen würde diese Ermächtigung bedingungslos machen.

 

Unsere Forderung: Grundeinkommen ergänzt durch sozialökologische Infrastruktur

Das Grundeinkommen als Geldbetrag überlässt uns in größerem Ausmaß, für uns selbst zu entscheiden, was für ein gutes Leben notwendig ist. Die Personenbezogenheit ist die Stärke, aber auch eine Schwäche des Grundeinkommens. Zweifelsohne bedarf es für ein gutes Leben auch, wie Andreas Novy betont, „Einrichtungen und Infrastrukturen, die leistbar sind und ökologisch nachhaltig Bedürfnisse befriedigen.“ Das Grundeinkommen garantiert, dass wir eine sozialökologische Infrastruktur aufbauen, ohne dass unsere Autonomie durch diktierte Blaupausen für „das gute Leben“ eingeschränkt wird. Wenn unser Ziel eine ökosoziale Transformation ist, die nicht autoritär verläuft, dann kann das Grundeinkommen nie vollständig durch sozialökologische Infrastruktur ersetzt werden.

 

Bei der sozialökologischen Infrastruktur werden immer unterschiedlichste Vorstellungen über das gute Leben basierend auf unterschiedlichen Ausgangslagen aufeinandertreffen. Um mit den Beispielen von Andreas Novy zu schließen: Es wird einen Unterschied machen, ob ich in Wien oder Güssing lebe. Selbst wenn ich derzeit in Wien lebe, hilft mir die Donauinsel wenig, wenn ich unbezahlt an den Wochenenden arbeite, um für den Wettbewerb um knappe Arbeitsplätze irgendwo anders gerüstet zu sein, wenn mein befristeter Arbeitsvertrag bald ausläuft. Hingegen kann das Grundeinkommen die Forderung für viele werden, gerade weil es bedingungslos ist und nicht an bestimmte Arbeits- und Lebenslagen anknüpfen muss. Das Grundeinkommen können wir alle – egal ob gerade in Güssing, Wien oder sonstwo – gemeinsam fordern.